Gott ist immer kleiner!

Ich habe Ende des letzten Jahrtausends acht Jahre in einem Indiodorf im Süden Mexikos gelebt. Wenn ich aus den Bergen in die Riesenmetropole Mexiko-City kam und mit der  Untergrundbahn unterwegs war, viel mir recht bald auf, wie meine Mitfahrer jeden neuen Fahrgast aufmerksam musterten. Der erste Blick galt den Füßen: Trägt der Mann oder auch die Frau richtige Halbschuhe oder etwa Huaraches, das sind die groben, selbstge­machten Sanda­len der Indios? Das Schuhwerk verriet die Menschen. Und wehe einer entlarvte sich als Sandalenträ­ger. Denn nach diesen San­dalen charakterisiert der Volksmund bis heute die vielen Indios Mexikos. „Huarachu­dos“ ruft man ihnen nach. Auf Deutsch hieße das etwa „Sandalentreter, San­dalenlatscher“. Der abfäl­lige Ton ist nicht zu überhören.

In einem  der vielen Dörfer unserer Mixteko-Pfarrei erzählten die Leute, dass 50 Jahre zuvor der Lehrer die Kinder schlug, wenn sie ein Wort ihrer Muttersprache Mixteko in den Mund nahmen. Auf der Straße war es verboten, die eigene Sprache zu sprechen. Der Bürgermeister wollte den Menschen Kultur (das hieß für ihn die spanische Sprache) beibringen. Zuwiderhandlungen wurden mit Ge­fäng­nis bestraft.

Zwei Schlaglichter, die deutlich machen: Da lernen Menschen von klein auf, dass sie nichts wert sind, dass sie weniger gel­ten, dass ihre Form zu sprechen, zu arbeiten, sich und ihr Dorf zu organisieren und zu glauben weni­ger oder gar nichts wert ist. Ihre Religion nennt man Aberglaube, ihre Sprache Dialekt. Ihre Kunst bekommt bestenfalls die Bezeichnung Volkskunst und ihre Rechtsformen heißen abschätzig Bräu­che!

Es gibt viele Definitionen von Kultur. Clodomiro L. Siller, Priester und Anthropologe, hat ein­mal die Fol­gende gebraucht: Kultur wird daran deutlich, wofür ich arbeite. Deutsche etwa arbeiten für ihre Wohnung. Das ist ein wichtiges Thema, um das sich vieles dreht. Ein Mexikaner arbeitet, um ein Fest zu feiern!

Natürlich kann man diese Definition als viel zu oberflächlich abtun. Aber doch drückt sie etwas Grundlegen­des aus. Während bei uns ein eher individualistischer Zug zum Ausdruck kommt, ist der Mexikaner viel eher so­zial veranlagt. Besonders die Angehörigen der Urbevölkerung.

Unter den Indios ist normalerweise nicht der am angesehensten in seinem Dorf, der das größte und schönste Haus sein eigen nennt, sondern der, der die meisten Feste ausgerichtet hat und dafür gesorgt hat, dass der Gottesdienst zu Ehren des Dorfpatrons gefeiert und die Gäste mit Essen und Trinken freigehalten wurden. „Geben ist seli­ger als nehmen!“ zitiert der hl. Paulus Jesus in der Apostelgeschichte (20, 35).

Für die Mixtekos ist, wie für die allermeisten Indios, die Erde belebt. Sie ist die Mutter. Will man den Acker pflügen, dann bittet man zuvor um Erlaubnis. Nach der Ernte bringt man ein Speiseopfer dar. Schnell ist der westlich denkende Betrachter geneigt das Aberglauben zu nennen. Aber die Grundhaltung „Ich kann nicht nehmen, ohne zu geben“, scheint mir sehr Evange­lium gemäß.

Absoluter Privatbesitz ist den Indios von ihrer Tradition her fremd. Das Land gehört der Dorfge­mein­schaft. Die Gemeinschaft definiert sich vom gemeinschaftlichen Landbesitz. Der Einzelne, die Fami­lien haben nur das Nutzungsrecht. Dafür zahlen sie eine Art von Steuer in Form von ehren­amtlichen Diensten und der Ge­meinschaftsarbeit, dem sogenannten Tequio. Was dem westlichen Denken als Attacke gegen das Grund­recht auf Privatbesitz erscheint, setzt auf die Devise: Gemein­nutz geht vor Eigennutz!

Ämter wurden von den Ureinwohnern Mexikos ursprünglich als Dienst verstanden. Damit unter­schieden sie sich von einer Politikergarde, die in Lateinamerika und anderen Entwicklungs- oder Schwellenländern weit verbreitet ist und die ihre Posten als Selbstbedienungsladen für sich und ihre Familien verstehen und sich in keiner Weise dem Allgemeinwohl verpflichtet fühlen. Ein wahres Alternativmo­dell gegen die Korruption und sogenannte Berufspolitiker. Eine Alternative, die auch bei uns im Westen immer notwendiger wird.

Es braucht viel Sensibilität, um die Werte in fremden Völkern wahrzunehmen. Es braucht viel Gespür, diejenigen die anders sind als ich nicht rundweg abzulehnen.

In unserem Land begegnen uns nicht die Indios aus Mexiko. Aber wir werden mit vielen Kulturen und Nationalitäten konfrontiert. Vieles Fremde wird uns „zugemutet“. Und es gibt viele, die, trotzdem sie die gleiche Hautfarbe haben, wie der Zöllner Matthäus im Evangelium als „Sünder“ und als „Unberührbare“ gelten.

Vielleicht fühlen wir uns ja auch selber manchmal ausgeschlossen, merken, dass wir „anders“ sind. Dabei gilt es etwas zu bedenken, was für Franz von Assisi sehr wichtig war.

Sein Gottesbild unterschied sich sehr von dem der Päpste und der offiziellen Kirche seiner Zeit. Wäh­rend Letztere sich dem Wahlspruch „Deus semper maior“ – „Gott ist immer größer“ verschrieben, op­tierte Franziskus für ein „Deus semper minor“, „Gott ist immer kleiner“. Wer so von Gott denkt, der traut ihm auch zu, in anderen Kulturen, auf uns unbekannte Art und Weise, an unerwarteten Stellen unseres Lebens anwesend zu sein.

Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres. Gelegenheit auch vermeintlich Altbekanntes neu anzuschauen und eingefahrene Konzepte zu hinterfragen. Vielleicht ermutigt uns der heilige Franz ja dazu unseren Umgang mit Anderen zu überdenken, und auch den Umgang mit uns selbst, da wo wir vielleicht anders sind. „Deus semper minor!“


Über den Impulsgeber

Bruder Helmut Rakowski ist Kapuziner. Er arbeitet seit drei Jahren beim Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung.  Papst Franziskus hatte den Rat zuletzt mit der Organisation des Heiligen Jahres beauftragt.

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