Lebemann oder Heiliger? Beides!

Franziskus ist populär. Die Auseinandersetzung mit dem Heiligen aus Assisi hat Hochkonjunktur, weltweit. Für die einen in ihrer Armut ein solidarischer Freund, für die anderen ein „Punk der dem alten und verstaubten Prunk in Rom und anderswo mal endlich die Stirn bietet“. Viele Erwartungen, viele Projektionen. Eines ist gewiss: Mit seiner Namenswahl hat Jorge Mario Bergoglio SJ Menschen unterschiedlicher Denkrichtungen, Lebensweisen und Spiritualitäten gleichsam berührt.
 
So kann die Verehrung von Heiligen gleichwohl befremdliche Züge annehmen. Erst neulich las ich bei SPIEGEL ONLINE von einer Seniorin, die angeblich jahrelang eine ‚Actionfigur’ des Halbelben ‚Elron‘ aus ‚Herr der Ringe‘ anbetete (http://www.spiegel.de/panorama/brasilien-frau-betet-angeblich-jahrelang-zu-herr-der-ringe-elrond-statt-antoniusvon-padua-a-1129147.html). Sie habe die Figur für eine „Miniatur des Heiligen Antonius von Padua“ gehalten – im übrigen ein Franziskaner. Diese skurrile Geschichte war aber nicht nur amüsant zu lesen, sondern hat in mir bezüglich dieses Impulses zwei Fragen ausgelöst: „Wer ist dieser heilige Franziskus? Was bedeutet Franziskus-Frömmigkeit für mich?“
 
Ein Mensch…
 
Der Blick auf das Leben von Franziskus bietet viel Potential. Denn das, was über seine Jugend überliefert ist, macht eine Entwicklung deutlich.
 
So kann man Franziskus nur im Kontext seines Lebens verstehen: Angefangen bei der Jugend im Hause der wohlhabenden Tuchhändler-Familie, über seine exzessiven Trinkgelage und Feste, bis hin zum gescheiterten und eingekerkerten Soldaten. Solche Grenzerfahrungen – ob im Exzess des Konsums und der jugendlichen Begierde, oder aber im Exzess der Gewalt und der endlichen Körperlichkeit des Krieges – bleiben auch für Lebemänner wie den jungen Franziskus nicht folgenlos.
 
Die Folgen zeigen sich sehr bald: Er zieht sich zunehmend aus seinem Freundeskreis zurück und sucht die Einsamkeit. Vielleicht auch um dem, was er erlebt hat, Raum zu geben – einfach damit es in ihm arbeiten kann. Seine spirituellen Erfahrungen nehmen zu, auch durch eine Wallfahrt nach Rom. Er wird nicht zu einem anderen Menschen oder gar einem übernatürlichen Wesen, aber sein Leben erlebt Umbrüche. Franziskus lebt. Die Anfänge der Wandlung in seinem Menschsein führen natürlich zu Konflikten mit seinem Vater. Da wo Menschen über ihr ursprüngliches Leben hinauswachsen, wachsen sie auch aus ihrem ursprünglich Leben heraus.
 
…mit Fehlern
 
Im Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“, aus dem Jahr 1972 wird die Jugend des heiligen  Franziskus zur romantischen Erleuchtung verklärt. Einmal sitzt er unter einem Baum und beobachtet Tiere in der umbrischen Landschaft, an anderes Mal läuft er beseelt durchs Kornfeld. Der provisorische Blick durch Äste eines Olivenbaums darf natürlich nicht fehlen. Komplettiert wird diese Darstellung, die unzweifelhaft vom Lebensgefühl und den Sehnsüchten der langsam ausklingenden Hippie-Kultur beeinflusst wurde, vom Soundtrack ‚Fratello Sole Sorella Luna‘. Dabei sei erwähnt, dass es ein richtiges und ein wichtiges Anliegen ist, zu versuchen, den heiligen Franziskus samt seiner Wesensmerkmale – auch in Blick auf die Natur – darzustellen. Dennoch hat die Romantisierung des Franziskus in der Vergangenheit zu Formen der Verehrung beigetragen, mit denen ich als junger Mensch nicht mehr viel anfangen kann, da ich sie in der Betrachtung für verkürzt halte.
 
Denn trotz all der wunderbaren Taten, die Franziskus im Laufe seines Lebens leisten wird,  scheint doch gerade der ungeschönte Blick auf seine Jugend, die damit verbundene Kontextualisierung der Person, von entscheidender Bedeutung. So ist es doch gerade das familiäre zueinander in Beziehung setzen des „unwürdigen Menschen“ mit „allen […] Geschöpfen“ und dem „Höchsten“, welches den Sonnengesang auszeichnet. Wie kann ich die Sprache des Franziskus und seine Gebete verstehen, ohne das Leben des Franziskus zu verstehen?
 
Es scheint vielleicht naheliegend in der eigenen Franziskus-Frömmigkeit (also in einer im  Glauben begründeten Haltung, die sich in der bewussten Lebensgestaltung offenbart) den Fokus auf singuläre Aspekte wie ‚die Natur‘ oder ‚die Armen‘ zu setzen. Dabei besteht aber mmer die Gefahr eines Dualismus zwischen Lebensrealität und Anspruch. Beide sollten nicht getrennt nebeneinander stehen.
 
Franziskus in meinen Alltag zu integrieren, heißt für mich, mein Leben als Beziehung zur ganzen Schöpfung zu verstehen. Nicht nur in Bezug auf mich zu leben, sondern auch offen für alle anderen Geschöpfe zu sein, diese wertzuschätzen. Die Entscheidung mit offenem Ohr, offenem Auge und offenem Herzen durchs Leben zu gehen, zieht Konsequenzen und Verantwortung mit sich. Das fängt völlig banal bei der Papiertüte im Supermarkt an und hört im unmittelbaren Umgang mit der Vielfalt der Lebensrealitäten meiner Mitmenschen auf. Will ich wirklich bei mir und beim Anderen sein, muss ich die Fehlerhaftigkeit und Begrenztheit der Realität, immer wieder annehmen lernen. Mache ich es mir also einfach und denke in Schubladen, richte über das Leben anderer Menschen oder erkenne das Leben demütig als lebendige Größe an, in der Brüche, Umkehr und Wandlung keine Zeichen von Schwäche, sondern vielmehr der Stärke sind? Das Ergebnis ist die Solidarisierung und Annahme der Wirklichkeit, als lebendige Schöpfung Gottes.
 
Ist der Glaube eine Sonntagsstube, in die ich mich nur an besonderen Tagen zurückziehe, die ich im Alltag aber verlasse und zuschließe – damit bloß alles ordentlich und unberührt bleibt – oder lebe ich ihn authentisch, sodass er mein ganzes Leben berührt? So haben die Umbrüche in der Biografie des heiligen Franziskus hinsichtlich meines Christseins nicht nur Einfluss auf mein Privatleben, sondern auch auf mein gesellschaftspolitisches Leben.
 
Unsere christliche Überzeugung, dass wir als Menschen Verantwortung für unsere Mitwelt haben, ist dabei ein Beispiel von vielen. In diesem Zusammenhang wurden die politischen Blickrichtungen über Jahrzehnte massiv verengt. Auf der einen Seite die Sozialpolitik, auf der anderen Seite die lange vernachlässigte Umweltpolitik. Das Leben des heiligen Franziskus beweist eindrücklich: Dinge stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern sind immer ineinander zu deuten. So machte nicht nur Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ deutlich, dass sowohl die ‚Soziale Frage’ als auch die ‚Ökologische Frage‘ zusammenzudenken sind. Viele weltweite soziale Krisen sind unmittelbare Folgen von Umweltkatastrophen. Dabei haben in einer globalisierten Welt innenpolitische Entscheidungen große Einflüsse auf außenpolitische Kontexte, sowie außenpolitische Entscheidungen große Einflüsse auf innenpolitische Kontexte. Die Grenzen verschwimmen.
 
Dies ist aber nicht nur auf der Meta-Ebene fachpolitischer Fragestellungen von internationaler Bedeutung zu erkennen, sondern auch mit Blick auf die politische und gesellschaftliche Stimmung hierzulande. So steht die Bundesrepublik im Wahljahr 2017 vor richtungsweisenden Entscheidungen. Gleichwohl wird der Sprachgebrauch, mit dem politisch unterschiedlich denkende Menschen aufeinandertreffen, vor allem durch das Aufweichen von bisher selbstverständlich erachteten Werten, besonders durch verschiedene rechtspopulistische Parteien, immer rauer. Es scheinen sämtliche Hemmungen zu fallen. Auch unter Anbetracht solcher Entwicklungen dürfen und können politische Akteure nicht weltanschaulich neutral sein. Denn auch das Favorisieren unserer demokratischen Staatsform hat eine Weltanschauung als Grundlage: Die Überzeugung, dass die Würde aller Menschen, unabhängig von einzelnen Merkmalen, das höchste Gut ist.
 
Wir Christen begründen diese Überzeugung aus dem Glauben an die Gottes-Ähnlichkeit, durch die wir unzweifelhaft mit unserem Schöpfer verbunden sind, aber auch aus der Gottes-Unähnlichkeit, die uns immer wieder demütig klar macht: Wir Menschen sind nicht absolut.
 
Die Konsequenz für die Politik ist hier Dialogfähigkeit. Als Christ kann ich nicht nur bestimmte menschenverachtende Meinungen und Überzeugungen benennen, ich muss sie auch verurteilen. Gleichwohl darf ich den Menschen, der so denkt, nicht in seinem Menschsein verurteilen. Das steht mir nicht zu. Vielmehr ist es meine Aufgabe, die Umbrüche in diesem Menschen wahrzunehmen, offen zu sein und zu versuchen, ihn – in der Begleitung – von den Ideen der Gleichheit und Menschenwürde zu überzeugen. So kann der heilige Franziskus auch in aktuellen politischen Fragen eine Stütze sein.
 
Franziskus schauen heißt für mich Leben lernen.
 

Über den Impulsgeber

Stefan Orth ist in der Politik engagiert. Außerdem studiert er katholische Theolgie in Münster an der Westfälischen Wilhelms Universität.
Mehr Informationen finden Sie hier: https://www.stephanorth.de/

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