Bedeutung der christlichen Werte in einer entgrenzten Welt

Wir befinden uns in turbulenten Zeiten, mit Umbrüchen, Neugestaltungen und vielen Krisenherden um uns herum. Das, was in der Welt, in Europa und hier bei uns gerade passiert, zeigt: Wir befinden uns in einer Zeitenwende. Alte Strukturen werden aufgebrochen und Neues muss sich zusammenfügen. Dieser Umbruch betrifft unser gesellschaftliches Zusammenleben, welches sich durch Kriege, Terror und daraus resultierender Flucht verändert und weiter verändern wird. Er betrifft aber auch unsere Arbeitswelt, die sich durch diese Entwicklungen, aber auch durch Demografie, Digitalisierung und Globalisierung in einem rasanten Wandel befindet. Wir leben in einer entgrenzten Welt und überall dort, wo sich Gewissheiten auflösen und Flexibilität gefragt ist, entsteht Verunsicherung. Was es braucht, ist ein konstantes Wertesystem – Leitplanken, die Orientierung und Sicherheit in Zeiten des Wandels geben. Wenn es stürmt, braucht es tiefe Wurzeln! Ansonsten werden immer mehr Menschen mit den Anforderungen dieser schnelllebigen Welt überfordert sein. Die christliche Soziallehre mit ihren Grundprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität ist in diesen Zeiten daher wohl wichtiger denn je.

Es sind die christlichen Werte, die den Menschen und die Familie in den Mittelpunkt stellen. Sie müssen wir wieder stärker in den Blick nehmen – auch mit Blick auf die Arbeitswelt, denn: Arbeit ist im anthropologischen Sinn mehr als Erwerbsarbeit. Es geht um soziale Teilhabe und Integration. Es geht aber auch um die Frage von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von Selbstverwirklichung und Chancengerechtigkeit. Dafür müssen wir den Blick vor allem auch auf diejenigen richten, die sich schwer tun in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Sie dürfen wir nicht verlieren. Sie müssen wir mitnehmen und besonders unterstützen.

Papst Franziskus steht für genau dieses Credo. Er richtet den Blick auf die Schwachen, auf die, deren Stimme kaum jemand hören will, auf diejenigen, die Unterstützung brauchen. Der Name – in Erinnerung an Franziskus, der in Armut lebte und mit den Armen und Kranken teilte- ist dabei richtungsweisend. Papst Franziskus appelliert für eine offene Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der vor allem auch die Armen und Kranken Gehör finden. Nicht ohne Grund sensibilisiert er die Menschen in seinen Gebeten und Ansprachen für die Probleme und das Unrecht auf der Welt und rief das Jahr der Barmherzigkeit aus. „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung“, postulierte im 13. Jahrhundert bereits Thomas von Aquin.

Papst Franziskus verkündet das Evangelium nicht nur, er lebt es. Er zeigt, was es heißt, Christus nachzufolgen, in all seiner Konsequenz. Er ist für mich ein Vorbild, an dem ich mich orientieren kann.

Seit 2005 bin ich nun direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für den Kreis Coesfeld/Steinfurt II. Als Christ stelle ich mir immer wieder die Frage, wie ich meinen Glauben leben kann. Ich versuche regelmäßig am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen. An Einkehrtagen für Politiker in Maria Laach nehme ich jährlich teil. All das prägt auch mein Handeln als Politiker. Der Mensch steht für mich immer im Mittelpunkt, deshalb halte ich den Kontakt zu den Bürgern in meinem Wahlkreis. Nur so erfahre ich, was die Menschen bewegt und wo sie Unterstützung brauchen. Ich orientiere mich dabei an den Werten der christlichen Soziallehre. Solidarität, Subsidiarität und Personalität bilden deshalb auch die Leitplanken meines politischen Handelns. 

Solidarität ist das „Baugesetz“ jeder menschlichen Gemeinschaft. Der Mensch ist in Gemeinschaft verbunden. Ursprung, Ziel und Zentrum allen Wirtschaftens ist der Mensch (GS 63). Wirtschaft ist damit kein Selbstzweck, sondern Teil gesellschaftlicher Verantwortung und diese Verantwortung tragen wir auch auf politischer Ebene. Unter Personalität versteht die christliche Soziallehre den Menschen als soziales Wesen, das auf Interaktion angewiesen ist und eine unantastbare Würde besitzt. Dazu gehört auch, dass jeder Mensch die Aufgabe hat, mit seinen eigenen Händen und seiner eigenen Kraft für seine Familie zu sorgen. Die Politik ist hier für die Rahmenbedingungen zuständig. Kann ein Mensch nicht für sich selbst sorgen, hat er Anrecht auf Unterstützung. Das steckt hinter dem Konzept der Subsidiarität. Damit ist letztendlich die Verantwortlichkeit und Hilfe zur Selbsthilfe gemeint.

All das beginnt bei der Familie. Sie ist die Kernzelle der Gesellschaft. Hier entscheidet sich unsere Zukunft – auch für die Wirtschaft. Eine christliche Politik muss immer auch den Blick auf die Menschen richten, denen ist nicht so gut geht, wie anderen. Sie muss den Blick auch auf diejenigen richten, die am Rand unserer Gesellschaft stehen. Ob wir tatsächlich gerecht, barmherzig und solidarisch sind, zeigt sich nämlich erst im Umgang mit den Schwachen. Papst Franziskus sagt: Wir können nicht Teilzeit-Christen sein. Wenn Christus im Mittelpunkt unseres Lebens steht, dann ist er in allem gegenwärtig, was wir tun. Diese Auffassung teile ich. Ich bin Christ in meinem Privatleben, ich bin Christ in meinem Job und ich bin Christ in Berlin, in meinem Wahlkreis und an jedem anderen Ort dieser Welt.


Über den Impulsgeber

Karl Schiewerling ist Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Vor dem Einzug in den Bundestag war er Diözesansekretär des Kolpingwerkes in der Diözese Münster.
Mehr Informationen finden Sie hier: http://karl-schiewerling.de/

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