Österliche Solidarität

Ostern – das Fest der Feste, das Fest des Lebens schlechthin, an dem wir Christen die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus feiern. Das höchste Glaubensfest des Jahres – und weder der heilige Franziskus noch die heilige Klara sprechen darüber. Bei Franziskus taucht der Gedanke an die Auferstehung Jesu in seinem von ihm selbst verfassten „Offizium vom Leiden des Herrn“ auf, das er aus zum Teil selbst formulierten Psalmversen und biblischen Zitaten zusammengestellt hat, und bei Klara ist „Ostern“ lediglich eine Zeitangabe: es gehört zu den sieben Festtagen, an denen die Schwestern in der Eucharistiefeier die Kommunion empfangen sollen. Man könnte den Eindruck gewinnen, als sei es für diese beiden Heiligen ein unbedeutendes Fest. Dabei lieben sie das Leben, die Farben, das Licht, die Lebendigkeit – alles österliche Zeichen. Und das strahlt durch ihre Worte, die sie uns hinterlassen haben, durch.

Franziskus und Klara leben aus der Gewissheit, dass in Jesus das Leben über den Tod gesiegt hat. Daraus gewinnt ihr Leben seine strahlende Helligkeit. Doch sie konzentrieren sich nicht auf das, was ihnen – hoffentlich – einmal geschenkt werden wird, sondern auf den jeweils nächsten Schritt, der vor ihnen liegt. Franziskus und Klara sind Heilige des Weges, die nicht mit einem Salto mortale im Ziel ankommen, sondern Schritt für Schritt die Mühe des Weges nicht scheuen.

Armut ist für Franziskus wie für Klara eine Angelegenheit der Liebe, die sich in einem Akt der Solidarität ausdrückt, und zwar Solidarität zu Jesus und Solidarität zu den Menschen. Klara schreibt in ihrem ersten Brief an die hl. Agnes von Prag, ihre Brieffreundin und Mitschwester: „Wenn also ein so großer und so edler Herr […] verachtet, bedürftig und arm in der Welt erscheinen wollte, damit die Menschen, die ganz arm und bedürftig waren und überaus großen Mangel an himmlischer Speise litten, in ihm reich würden durch den Besitz himmlischer Reiche, so jubelt von Herzen und freuet Euch, erfüllt von höchster Freude und geistlicher Fröhlichkeit.“ (1 Agn 19-21) Die Freude über die Auferstehung des Herrn ist reines Geschenk, für das wir nur Herz und Geist öffnen können. Aber der Weg dahin ist etwas, was wir tun können. Und dieser Weg läuft in den Fußspuren Jesu.

Franziskanische Armut ist ein Akt der Solidarität im Sinne von größtmöglicher Nähe. Es gibt für Franziskus und Klara keine größere Nähe zu dem arm gewordenen Jesus als in der Teilhabe an seinem Leid. Und das nicht aus irgendeinem lebensverachtenden Grund, sondern allein um der Liebe willen. Franziskus betet einmal darum, dass er doch die Schmerzen Jesu empfinden dürfte. In dem, was Jesus für uns ertragen hat, könnte er die Liebe tiefer erfassen, die er zu uns hat. Es geht immer um die Liebe und nie um ein asketisches Leistungsprinzip oder Selbstverachtung, auch wenn der Poverello am Ende seines Lebens seinen Bruder Esel (seinen Leib) um Verzeihung bitten muss, weil er im Überschwang zu wenig auf ihn geachtet hat.

Den Fußspuren Jesu folgen kann man nur im eigenen Alltag. Da sind keine theologischen Höhenflüge gefragt, sondern mühsames Wandern auf unebenem Weg. Da sind die anderen, die mir manchmal das Leben schwer machen. Da sind die, die immer alles besser wissen. Da sind die, die mich zu Reaktionen drängen, die ich gar nicht will. Und genau in diesen menschlichen Begegnungen zeichnen sich die Fußspuren Jesu ab. Beide Heiligen betonen das Beispiel, das Jesus in der Fußwaschung seiner Jünger gegeben hat. Franziskus setzt das Amt des Vorgesetzten dem Amt der Fußwaschung gleich – und wer etwas anderes darunter versteht, ist nicht geeignet, für andere verantwortlich zu sein. Klara wäscht ihren Schwestern die Füße, die von Diensten außerhalb des Klosters zurückkommen – einfach als Akt der Liebe. Um den anderen die Füße zu waschen, braucht man nicht immer Wasser: wenn ich sehe, dass es jemand schwer hat, ihm oder ihr durch eine kleine Geste oder ein Wort Solidarität zeigen; wenn jemand müde von seinem Dienst ist, ihm oder ihr eine kleine Ruhepause verschaffen und etwas tun, was gut tut.

Sowohl in ihrem geistlichen Testament, das die hl. Klara ihren Schwestern hinterlassen hat, wie auch in der Regel, die sie selber vor 800 Jahren geschrieben hat, steht eine Formulierung, die ihr sehr wichtig gewesen sein muss. Da heißt es in ihrer Regel: Franziskus sah, „dass wir keine Armut, Mühsal, Bedrängnis, Niedrigkeit und Verachtung der Welt fürchteten, ja dass wir dies sogar für große Wonne hielten“ (KlReg 6,2). Die Schwestern suchen nicht das Leid, aber sie nehmen es an, wenn es sie trifft. Und sie weichen nicht zurück, sondern halten es aus, bis sie auf dem Grund all des Schweren und Dunklen „Wonne“ erfahren. Es ist die Freude über die erfahrene Nähe zu Jesus, dem Armen und Verlassenen. Sie suchen allein die Liebe, nicht den Schmerz, den sie aber annehmen, wenn er zur Liebe führt.

Franziskus und Klara zeigen uns einen österlichen Weg im Alltag: aus der Gewissheit des unzerstörbaren Lebens in Gott nehmen sie Schritt für Schritt an, was sich ihnen vor die Füße legt. Das Große, das sie tun, ist, dass sie an ihrer Liebe zu dem armen Gekreuzigten festhalten – komme, was wolle. Und mit ihm gehen sie ins österliche Leben, das dann nicht von außen über sie kommt, sondern aus dem gelebten Innern nach oben drängt.

Ostern gibt es nur nach dem zu Ende gegangenen Weg, und das ist immer ein Weg im konkreten Alltag.

Sr. M. Ancilla Röttger osc

Sr. M. Ancilla Röttger lebt im Münsteraner Klarissinnen Kloster. Sie begleitet zahlreiche Menschen auf ihren Weg, außerdem hört man Sie ab und zu im Radio, bei verschiedenen religiösen Projekten.

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