Ostern – Ausgriff ins Unbekannte

Helle, Sonne, Licht, Frühlingsboten und Ostersparziergänge, das sind Gedanken,

die wohl die meisten mit Ostern verbinden, doch das kann nichts daran ändern,

dass der innere Gehalt dieses Tages für uns viel schwerer nachzuvollziehen

ist als etwa derjenige von Weihnachten.

Auch im Leben des Hl. Franziskus scheint Greccio, der Ort an dem der Spielmann Gottes die Geburt des Herrn mit allen Sinnen nachfeierte, näher zu liegen als das Osterfest. Das „Fest der Feste“, Ostern, ist von ihm nicht in Szene gesetzt worden. Oder doch? Sind franziskanisch gestimmte Menschen „Weihnachtschristen“ mit dem Wissen, dass die Menschwerdung bis ans Kreuz reicht – und darüber hinaus?

Die Geburt, das Kindsein, die Familie – dies alles gehört unserer eigenen Lebenswelt zu. Deshalb berührt uns der Gedanke ganz unmittelbar, dass Gott ein Kind geworden ist und so das Kleine groß, das Große aber menschlich und nah und fassbar gemacht hat. Gerade dieses Motiv ist für die franziskanische Spiritualität so zentral. Demut, Minoritas, inkarnatorische Konkretion des Heils, darum geht es. Wie die Glaubende, bzw. der Nachfolger in den Spuren Jesu, ihn erneut zur Welt bringen kann, das meint Leben aus dem Evangelium. In der Geburt zu Bethlehem ist nach unserem Glauben Gott in die Welt hereingetreten – und das zieht eine Lichtspur selbst bis zu den Menschen hin, die die Botschaft als solche nicht anzunehmen vermögen.

Mit Ostern ist es anders: Hier ist Gott nicht in unser vertrautes Leben hereingekommen, sondern er hat seine Grenzen durchbrochen in eine neue Dimension jenseits des Todes. Er geht uns nicht mehr nach, sondern er geht uns voraus – freilich nach Galiläa, d. h. in unseren Alltag, wie der Auferstandene zu den Jüngern und Jüngerinnen sagt.  Und doch öffnet er eine unerschlossene Weite, um uns Mut zu machen, ihm zu folgen in eine ganz andere Dimension mitten in unserem Leben durch Schmerz, Verlust und Tod hindurch in sein Licht.  Aber da wir vordergründig nun einmal nur kennen, was diesseits des Todes ist, können wir keine unserer eigenen Erfahrungen mit dieser Botschaft verbinden. Keine Vorstellung kann dem Zeugnis der Jünger nachhelfen; es bleibt ein Ausgriff ins Unbekannte, bei dem wir unsere Kurzsichtigkeit und die Enge unserer Schritte schmerzlich spüren.  Ostern ist ein irritierendes Fest! „Halte mich nicht fest“, sagt der auferstandene Herr zu Maria von Magdala am Ostermorgen. Ostern, nicht zu fassen!

Wer aber unter diese Perspektive das Leben, Handeln und das Erdulden des Hl. Franziskus in den Blick nimmt, wird es deutlich wahrnehmen: Franziskus ist ein österlicher Mensch, ein Mensch der tiefen Verwandlung in Gott hinein. Franziskus trägt an seinem Körper verbergend die Wundmale Christi. Er erhält sie nach einem langen Ringen auf dem Berg Al Verna, nachdem er sich selbst und den Weg seiner Brüder, nach mancher herben Ernüchterung und Enttäuschung, in die Hände des Herrn legt. Dieses mystische Erleben von Al Verna ist österliches Leben. Hier willigt Franziskus in die tiefste Pilgerschaft ein, sich und die ihm anvertraute Gemeinschaft, sein Leben, in Gott zu entlassen. Franziskanische Menschen sind „Ostermenschen“ – Menschen des Transitus, des Übergangs, dem „Eigenen“ entsagend. Erst hier entsteht die neue Schöpfung, die „vollkommene Freude“, die  geschwisterliche Welt der Versöhnung, des Friedens, der Geduld Gottes mit uns und seinem Erbarmen – die „andere Welt“. Die neue Schöpfung ist getragen von einer tiefen Passion der Hingabe, die das Leben Gottes ruft.

Ostern handelt vom Unvorstellbaren; sein Ereignis begegnet uns zunächst nur durch das Zeugnis der Jünger, in Erzählungen, von denen wir uns gewinnen lassen können. Der Glaube der Kirche hat das österliche Zeugnis in Symbole übersetzt, die das Ungesagte erahnen lassen. Das Symbol des Lichtes (und mit ihm des Feuers) spielt eine besondere Rolle; der Gruß der Osterkerze, die in der nachtdunklen Kirche Zeichen des Lebens wird, die uns nun in der Mitte der Gemeinde bis zum Pfingstfest begleiten wird, gilt dem Sieger über den Tod: „Lumen Christi“. Wofür steht dieses Licht inmitten der Gemeinde? Was will hier licht werden? Was will sich aufhellen?

Wie die Materie, das Wachs der Kerze durch das Feuer sich in Licht und Wärme verwandelt, so geht es im Ostergeheimnis um die Verwandlung der ganzen Welt in eine neue, kaum fassbare Wirklichkeit. Tatsächlich nimmt dieses Fest es mit der faktisch „härtesten Materie“ unseres Lebens auf, dem Tod, d. h. mit dem Verlust eines Lebens in Beziehung: Mit uns selbst, mit der Schöpfung, den Mitmenschen und letztlich mit dem Lebensgrund Gott. Auferstehung heißt, aufgenommen zu sein in die Beziehungsmacht Gottes.

Der Glaube an die Auferstehung meint mehr als ein Weiterleben nach dem Tod. Nicht Widerspruch, Sünde, Gebrochenheit, Leid und Tod werden das letzte Wort haben, sondern die Liebe und das Leben Gottes, das uns jetzt durch die Kraft seines Geistes, dem Lebensspender, erfüllen will. Nicht nur das Vertrauen in eine Zukunft aus Gottes Hand, sondern die Macht Seiner Gegenwart befähigt heute zum Einsatz gegen das Leiden. Wer von der Auferstehungshoffnung erfüllt ist, der wird hier und jetzt „aufstehen“ für das „Reich Gottes“, gegen den Tod und alles, was die Entfaltung des Lebens verhindert, denn er besitzt eine Hoffnung für die ganze Schöpfung, die seine Hände nicht erlahmen lassen.

Wir können es bei Franziskus sehen: Ostern ist keine Theorie über das Ende. Sicher: Die Osterbotschaft weist in die Zukunft. Aber diese Zukunft hat schon begonnen. Sie kann beginnen, mitten in unserem Leben. Wer tatsächlich auf diesen Jesus setzt und auf seinen Weg vom Tod zum Leben, für den ändert sich etwas, und zwar nicht erst später im Jenseits, sondern schon jetzt. Er wird anfangen zu teilen, von seinem Leben mitzuteilen. Das kann wehtun. Da stirbt wohl auch etwas in uns. Transitus und „Wundmale“. Aber nur, wer so zu sterben versteht, wird lernen zu leben und zu lieben – dem wird es leicht ums Herz, dem wird ein Licht aufgehen und er wird ein Lichtblick werden für andere. Wer solche Freiheit ahnt, den schmerzen die Ketten nicht nur am eigenen Leib, sondern auch die der anderen. Er wird nicht schweigen, wenn er Unrecht sieht und Unmenschlichkeit. Er wird dagegen aufstehen, im Namen dessen, der auferstand vom Tod zum Leben. Wo der Tod seine Herrschaft verliert, da beginnt die Freiheit zu lieben und zu leben.

Franziskus ist ein ekstatisch liebender. Er ist ein „Ostermensch“, denn Ostern führt uns über uns hinaus! Die Auferstehung Jesu steht für diesen Überstieg der Liebe: Durch die demütige Liebe zur Erde in die höchste Höhe des Himmels. Franziskus steht, wie das Osterereignis, für einen alles erfassenden Wandlungsweg. Klar ist: Die österliche Nachfolge findet in „Galiläa“, im Alltag statt, der aber noch ganz andere Dimensionen birgt, als wir sie uns allein von uns aus vorstellen können. Wir Christen stehen an Ostern für eine grundlegende Wahrheit: Wer sich nicht an höchste, alles wandelnde Liebe binden kann, bleibt letztlich immer an sich selbst gebunden.


Über den Impulsgeber:

Pater Ludger Schulte OFMCap ist Professor für Dogmatik und Rektor der PTH Münster.

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