Offenheit und Sensibilität

Das II. Vatikanische Konzil hat für die Beschreibung der römisch-katholischen Liturgie einen interessanten Begriff gefunden: nobilis simplicitas, auf Deutsch meist übersetzt als „edle Schlichtheit“. Auf Englisch hörte ich einmal den schönen Ausdruck „elegant simplicity“  – bin aber leider nicht sicher, ob der Benediktinerabt, der das sagte, es als Übersetzung des Konzilswortes meinte oder ob es ihm einfach so herausgerutscht war. Es ist nicht ganz einfach zu definieren, was „edle Schlichtheit“ ist und woran man sie erkennen kann. Jedenfalls ist nicht pure Schlichtheit gemeint, sondern es muss auch das „Edle“ dazukommen. Im Gottesdienst im Sinn des Konzils müssen also zwei Dinge zusammentreffen: Armut und Ästhetik.

Man könnte meinen, Ästhetik schließt Armut aus und Armut schließt Ästhetik aus. Billige Materialien können keine Symbolkraft und keine tiefe Erfahrungsdimension entfalten, hohe Kultur kostet Geld und Zeit und Vorbereitung, die dann für andere Dinge fehlt.

Aber vielleicht muss man das nicht als einen so scharfen Gegensatz sehen, auch das Konzil hat ja beides miteinander verbunden. Vielleicht kann man es anders sagen: Gottesdienst – und das kann man dann auch auf das private Beten übertragen – soll sich auszeichnen durch die Verbindung von Offenheit und Sensibilität.

Offenheit, weil etwas mit mir geschehen kann, wenn ich mich nur wirklich darauf einlasse. Wenn ich bereit bin zu hören, genau hinzuhören und zuzuhören. Wenn ich mich selber leer mache, damit Gottes Wort mich füllen kann.

Sensibilität, weil gottesdienstliche Erfahrung nur dann über unsere sichtbare und begrenzte Welt hinausweist, wenn sie in klug und überlegt gestalteten Symbolen zu uns spricht: Musik, Gestik, Textil, Raum, Zeit, Stimme, Körperhaltung… Nur wenn solche Einfühlsamkeit gelingt, können Leib, Seele und Geist zusammenspielen und kann der Mensch etwas erfahren, was außerhalb seiner selbst liegt und wohin er als Pilger sein ganzes Leben lang unterwegs ist.

Offenheit und Sensibilität aber sind zugleich wichtige Züge im Charisma des heiligen Franziskus. Gerade unsere heutige, von so viel Lärm, Reichtum, Starkult und Präpotenz gefüllten Welt braucht dieses Charisma so dringend: Offenheit, wenn Franziskus nichts als sein Eigentum ansieht, alles als Gottes Geschenk, nie an sich selbst hängend, nie von sich selbst her bestimmend. Sensibilität, wenn Franziskus ganz genau hinschaut: auf die Armen, die Schwachen und die Schönheit der Schöpfung.

Franziskanische Spiritualität bildet einen heilsamen Gegenpol in einer Kirche, die allzuoft triumphalistisch, barock und klerikal daherkommt. Es kann kein Zufall gewesen sein, dass ich die nobilis simplicitas des katholischen Gottesdienstes kaum je so intensiv erfahren habe wie in den Monaten, die ich während meiner Tätigkeit an der Uni Münster 2015/16 im dortigen Kapuzinerkloster verbracht habe.

Franziskanische Spiritualität kann und will Spuren legen, die bis zum II. Vatikanum führen: Offenheit und Sensibilität.


Über den Impulsgeber:

Liborius Olaf Lumma ist Privatdozent für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie an der Universität Innsbruck (Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie).

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