Pfingsten und die Kirche

Das pfingstliche Geschenk
Was ist meine erste Erinnerung an Pfingsten? Als kleiner Junge in den Chören der Braunschweiger Domsingschule sangen wir selbstverständlich auch in den Pfingstgottesdiensten. Der damals wortgewaltige wie regional bekannte (ev.-luth.) Propst
Armin Kraft verkündete laut die Botschaft: „Zu Pfingsten, zu Pfingsten, sind die Geschenke am geringsten.“ Das war und blieb meine erste und einzige Erinnerung an das Fest, vom dem esheißt, dass an diesem „der Heilige Geist gesandt [wurde], auf dass er die Kirche immerfortheilige und die Gläubigen so durch Christus in einem Geiste Zugang hätten zum Vater (vgl. Eph2,18). Er ist der Geist des Lebens, die Quelle des Wassers, das zu ewigem Lebenaufsprudelt“(LG 4.). Denn zur Erfüllung seiner Sendung „verhieß Christus der Herr den Aposteln den Heiligen Geist und sandte ihn am Pfingsttag vom Himmel her. Durch dessen Kraft sollten sie ihm Zeugen sein bis ans Ende der Erde, vor Stämmen, Völkern und Königen“(LG 24.). Inwieweit der Satz des ehem. Braunschweiger Propstes nur als guter Aufhänger einer Pfingstpredigt genutzt wurde, weiß ich nicht mehr; ich weiß nur, dass die theologische Größenordnung des Heiligen Geistes mich erst voll ergriffen hat bei meiner Aufnahme in die Kirche nach Konversion, bei meiner Firmung im Jahr 2004, als ich 22 Jahre alt war. „Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.“(Aus dem liturgischen Ablauf der Firmspendung.)Dieses Siegel schien sich mir völlig eingebrannt zu haben, noch Wochen nach der Firmung erschütterte mich dieser Satz bis ins Mark. Ich spürte die Verantwortung, die mir als Christ nun übertragen wurde. Die Firmung war, auch nach Profess und Weihe, wohl das eindrücklichste und tiefste Erlebnis meines Christenlebens, nicht das geringste Geschenk, sondern das größte, die Zielgerade eines langen Weges, der mich wiederum auf einen neuen Weg einschwor, der mich letztlich in mein Heimatkloster Maria Laach brachte, wo ich nun als Priestermönch in Gemeinschaft glauben, leben und wirken darf.
Der Geist und die Kirche Es war wohl die Firmung, die mich in besonderer Weise hat sensibel werden lassen für diese große Gabe Gottes. Dieser Geist, so glaube ich, hat mir die Möglichkeit gegeben, mein Leben umzukrempeln; und nach wie vor tritt mich dieser Geist, wenn ich stehen bleibe, führt mich, wenn ich falsch abgebogen bin, hebt mich auf, wenn ich mich auf die Klappe gelegt habe und entfacht die Glut zu neuem Feuer, wenn ich lahm geworden bin. (Vgl. Pfingstsequenz, GL 344.) Aber dies tut doch der HeiligeGeist nicht nur bei mir, bei einem einzelnen Menschen. Der Hl. Papst Johannes XXIII. sagte bei der Eröffnung des II. Vaticanums: „Erleuchtet vom Licht des Konzils, so vertrauen Wir fest, wird die Kirche reicher an Gütern des Geistes und wird mit neuer Kraft und unerschrocken in die Zukunft schauen.“ Damit holte er wieder die Dimension Gottes in die Kirche, vor der diese oft Angst zu haben scheint, den Heiligen Geist. Haben wir Angst vor dem Heiligen Geist? AnPfingsten, so scheint es, wird die dritte Person der Dreifaltigkeit, die zuvor in der Pfingstnoveneherabgebetet wurde, kurz aus der liturgischen Schublade gezaubert; unmittelbar nach der 2.Vesper des hohen Festes wird diese Schublade jedoch wieder fest verschlossen. Aber wo ist denn im Laufe eines (Kirchen)jahres vom Heiligen Geist die Rede? Wo lässt man demPfingstereignis Taten folgen? Jesu Beistand für uns Jesus kündet den Heiligen Geist in den Abschiedsreden des Johannesevangeliums an. Er sollkommen und bleiben, um die Erinnerung an ihn, Jesus, wach zu halten (Vgl. Joh 14,26), die in der langenGeschichte der Kirche allzu oft verschüttet wurde; dieser Geist hat immer wieder große Heiligebegabt, die Kirche von innen heraus und oftmals unter großen persönlichen Opfern zu erneuern.Der Geist ist es, so Jesus, der die Kirche befähigt, bleibend das Zeugnis des Evangeliums zuverkünden.(Vgl. Joh 15,26)Schließlich sagt Jesus, dass es gut ist, dass er geht, damit überhaupt dieser Geist kommen kann, der Kirche erst aufbaut und ermöglicht, (Vgl. Joh 16,7) der den Kreis der Apostel, der sich beim letzten Abendmahl als Kirche Jesu konstituiert hat, befähigen wird, die dienende Liebe des Herrn beispielgebend in die Welt zu tragen. (Vgl. Apg 2.) Im Heiligen Geist kann der Herr die Welt durchwehen, durchatmen und durchdringen, auch außerhalb der Kirchengebäude, der Liturgien und der Versammlung der Christen; im Heiligen Geist will Jesus die Welt erneuern und dem ‚Eschaton‘ entgegenführen; im Heiligen Geist wird der Kirche der nötige ‚lange Atem‘ für diesen Weg geschenkt; im Heiligen Geist hat Jesus selbst die Kirche gleichsam als Weggemeinschaft definiert. Dieser Heilige Geist soll, im Gegensatz zum irdischen Jesus, immer bei seiner Kirche bleiben und die Höhen und Tiefen ihrer Geschichte begleiten, damit diese Rückgebunden bleibt an die Zusage Gottes, der sich selbst als „Ich bin da“ (Ex 3,14) geoffenbart hat. Diese Zusage setzt der Herr im Heiligen Geist fort. Jesus weiß um unsere Nöte und die Wichtigkeit, seine Jüngerinnen und Jünger nicht allein auf den Weg durch die Zeit zu schicken. Als Vater, als Sohn und als Geist ist und bleibt Gott in seiner Schöpfung und für seine Geschöpfe lebendige Gegenwart. Daran wird die Kirche immer wieder durch das Evangelium erinnert, daran soll, nein muss die Kirche sich selbst immer wieder erinnern, denn um ihre Sendung zu erfüllen, hat die Kirche den Heiligen Geist empfangen. (Joh 20,22.) Pfingsten leben Vor Ostern sind die Jünger bei Jesus gewesen und haben dennoch wenig verstanden;(Vgl. u.a. Mk 4,13; Mk 8,17;) sogar im Umfeld der dritten Ankündigung seines Leidens (Vgl. Mt 20,17ff.) diskutieren manche lieber die Platzvergabe im Himmelreich als ihrem Herrn zu folgen und ihm beizustehen. Unterm Kreuz schließlich haben ihn beinahe alle verlassen und haben sich aus Angst und Scham zurückgezogen.(Vgl. Mt 26,56.)Sie haben das Kreuz, die Katastrophe und die Ohnmacht nicht aushaltenkönnen, sie wollten davon nichts wissen, weil sie so in ihrer Angst verstrickt waren, dass derWeg mit Jesus womöglich von vorn herein doch zum Scheitern verurteilt war. Während sie sichvon Jesus abgewendet haben, ist er den Weg des Scheiterns gegangen und hat ihn durchdrungen. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24.) Der Weg vom Sterben zum Leben braucht seine Zeit; Jesus hat es immer wieder gesagt – zugehört hat man ihm nicht. Solche Tendenzen lassen sich auch heute vielerorts in unserer Kirche erkennen. So viele Aktionen und Strategiepläne, Synoden und Konzeptpapiere, Gremien und Amtsapparate hat es noch nie in der Kirche gegeben. So schnell aber, wie die Schere von Amtskirche und Realität auseinanderdriftet, kann
doch keiner neue Ideen entwickeln; in die Zukunft schauen können wir ohnehin nicht. Keine Frage: Ideen sind gut und dringend nötig. Sie dürfen aber nicht im ‚zebedaidischen Übereifer‘ alle Sorgen und Nöte plattwalzen und jedwedes Innehalten und Besinnen im Keim ersticken. Die Kirche mit den Gläubigen, den Gemeinschaften und Gemeinden muss lernen, die Ohnmacht auszuhalten. Sie muss unterm Kreuz ausharren und üben, den scheinbar leeren Zeitraum zu gestalten der nötig ist, bis der Weizen aufgeht.
Diese Haltung kostet Energie und Geduld, sie schmerzt und kann hängende Schultern
mit sich bringen. Aber sie darf nicht den Glauben ausbremsen und das Vertrauen in Jesu Zusage mindern, dass er den Beistand geschickt hat: Der Geist ist da! Nur müssen wir ihm Raum geben und nicht alle Räume mit unseren Ideen ausfüllen. Wir müssen in der Kirche jene mobilisieren und ermutigen, die da sind, damit sie wieder erinnert werden an das Siegel des Geistes, was ihnen eingeprägt wurde in der Firmung. Die Kirche hat ausgeharrt im Gebet, im Fragen, in der Angst – gemeinsam – als der Heilige Geist kam. Die kleine Gemeinde der erste Kirche hat zusammengestanden in der scheinbaren Leere und der Ohnmacht; wo hätte der Geist sie treffen sollen, wenn jeder seiner Idee zur Rettung des Ganzen nachgelaufen wäre? Die Identität der Kirche ist immer im Werden durch den Geist. Dieses Geschenk ist nicht das Geringste und schon gar nicht etwas Einmaliges; dieses Geschenk darf die Kirche nicht im Regal oder im Karton ablegen wie ein lästiges Höflichkeitspräsent. Wuchern müssen wir mit dem Geschenk des Geistes, die jährliche Pfingstfeier leben im Kirchenjahr, im Leben der Kirche, im Alltag.

Jesus will seine Kirche und hat ihr zum beständigen Wachstum den Heiligen Geistb geschenkt, an diesem Glauben aus dem Evangelium darf nie gezweifelt werden. Die Konsequenz aus dieser Gabe ist die Sendung der Kirche, das Evangelium zu den Menschen zu tragen. Die Identität der Kirche ist gleichzeitig ihre erste Aufgabe, wir sind pfingstliche Kirche. „Die Kirche Jesu Christi gibt es. Er selbst hat sie gewollt, und der Heilige Geist schafft sie gegen alles menschliche Versagen seit Pfingsten immerfort und erhält sie in ihrer wesentlichen Identität.“ (aus: Joseph Cardinal Ratzinger: Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio.

Festgabe zum 75. Geburtstag, hg. vom Schülerkreis, Redaktion Stephan Otto Horn und Vinzenz Pfnür. Augsburg 2002, S. 107-131.)Zu Pfingsten hat der Herr der Kirche das Geschenk des beständigen Wachstums gemacht, er hat ihr den Heiligen Geist geschenkt. Diesen gilt es herabzurufen und gewähren zu lassen, damit die Kirche die Zeiten aushalten lernt, in die sie hineingesandt ist; diesen gilt es fruchtbar zu machen für die, die verzagt und lahm geworden sind; diesen gilt es zu bitten, die Kraft zu finden,
das Testament Jesu im Vertrauen auf die Gegenwart des Heiligen Geistes umzusetzen: „Gehtzu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,19-20.) Was können wir tun? Papst Franziskus ruft uns auf Ganz konkrete Gedanken zu unseren Fragestellungen fand ich in einer Predigt von Papst Franziskus zum Pfingstfest 2013, dem ersten seines Pontifikates. „DasNeue
macht uns immerein wenig Angst, denn wir fühlen uns sicherer, wenn wir alles unter Kontrolle haben, wenn wires sind, die unser Leben nach unseren Mustern, unseren Sicherheiten, nach unserem Geschmackaufbauen, programmieren und planen. Und das geschieht auch gegenüber Gott. Oft folgen wirihm, nehmen ihn an, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Es fällt uns schwer, uns in vollem Vertrauen ihm hinzugeben und zuzulassen, dass der Heilige Geist die Seele unseres Lebens ist und die Führung über all unsere Entscheidungen übernimmt.“ (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130519_omelia-pentecoste.html)Die Kirche hat sich im Laufe ihrer langen Geschichte immer wieder reformiert, es ist ihr ureigenes Proprium: Ecclesiasemper reformanda est. Zu allen Zeiten hat dies den Menschen, zumal den Verantwortlichen, auch Sorge, ja sogar Angst gemacht. Bin ich es, der verändert, oder ist es der Wille des Geistes, wird sich wohl so mancher Papst oder Bischof gefragt haben. Wer aber in beständiger Verbundenheit mit dem Geist Gottes lebt, um ihn betet und dieses große Geschenk für sich fruchtbar macht, der ist auch in Dienst genommen für die Kirche und lebt somit auch die Maxime Jesu, dass nicht mein, sondern Gottes Wille durch mich geschehe (Vgl. Lk 22,42 parr.). Nur die Sünde derAngst und des Misstrauens gegenüber Gott verhindert, ausgedrückt in der Enge des Herzens,dass ich als Glied der Kirche Gottes Werkzeug werden kann und auch bleibe. Nur wie sollen die verschiedenen Meinungen und Richtungen zusammengehen? Der Papst fragt, ob es nicht gar der Heilige Geist ist, der Unordnung erst schafft durch die vielen Charismen, die in der großen Kirche am Wirken sind. „Dem Anschein nach schafft der Heilige Geist Unordnung in der Kirche, weil er die Unterschiedlichkeit der Charismen, der Gaben bringt, doch unter seinem Wirken ist all das ein großer Reichtum, denn der Heilige Geist ist der Geist der Einheit, was nicht Einförmigkeit bedeutet, sondern eine Rückführung von allem in die Harmonie. Die Harmonie bewirkt in der Kirche der Heilige Geist.“
(http://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130519_omelia-pentecoste.html) Papst Franziskus unterscheidet von derVerschiedenheit, die wir selbst schaffen wollen und die nur in Parteilichkeit und Spaltung enden kann, und der Verschiedenheit, die, vom Heiligen Geist gewollt, in sich die Einheit birgt.(Vgl. ebd.) „Wenn wir uns hingegen vom Geist leiten lassen, führen Reichtum, Vielfältigkeit, Unterschiedlichkeit nie zum Konflikt, denn er bringt uns dazu, die Vielfältigkeit im Miteinander der Kirche zu leben. Das gemeinsame Unterwegssein in der Kirche unter der Führung der Hirten, die ein spezielles Charisma und Amt haben, ist ein Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes; die Kirchlichkeit ist ein grundsätzliches Merkmal für jeden Christen, für jede Gemeinschaft, für jede Bewegung.“ (Ebd.) Diese Einsicht, für die wir besonders am Pfingstfest, dem Geburtstag der Kirche, bei uns und bei all ihren Gliedern, besonders beten sollten, ist aber nicht von heute auf morgen herzustellen, sondern wächst zugleich mit dem Weg des Glaubens. Der hl. Benedikt legt im Prolog seiner Regel dem jungen Mönch ein wesentliches Wort ans Herz, was, auf das Wachsen im Glauben und in die Gemeinschaft der Kirche hinein übertragen, sich jeder Christ, auch im Sinne der Worte Papst Franziskus‘, zu Eigen machen sollte: „Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber imklösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“ (Regula Benedicti, Prolog.)
Maria Laach, 18. Mai 2017

Über den Impulsgeber:
Pater Philipp Meyer OSB,
geboren 1981 in Braunschweig, studierte zunächst Kirchenmusik in Heidelberg und Köln, konvertierte 2004 zur kath. Kirche und trat 2006 in die rheinische Benediktinerabtei Maria Laach ein. Nach dem Noviziat studierte er Theologie in Salzburg undRom. 2011 legte er die Feierliche Profeß ab, 2015 wurde er von Rainer Maria Card. Woelki in Maria Laach zum Priester geweiht. Im Kloster ist er u.a. zuständig für die Berufungspastoral und die Jugendarbeit, der Leiter der Abteikonzerte und der Kirchenmusik und Küchenchef.

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