Seid einander wie Hausgenossen

       „Und wo immer die (Schwestern und) Brüder sind und sich treffen, sollen sie
einander wie Hausgenossen sein!“   hl. Franz von Assisi

Bunte Wohngemeinschaft, laute WG oder alternative Kommune, das sind die ersten Bilder, dir mir zum Begriff „Hausgenossen“ kommen. Halte ich weiter inne, so erscheinen vor meinem inneren Auge auch Bilder von einem Mehrgenerationenhaus, einer quirligen Großfamilie oder einem Studentenwohnheim. Es sind meine inneren Bilder. „Und wo immer die (Schwestern und) Brüder sind und sich treffen, sollen sie
einander wie Hausgenossen sein!“   So bittet Franziskus seine Brüder, seine Schwestern. Er, der im Ursprung für sich selbst Orientierung und Weisung für sein Leben suchte, wird zum klugen Ratgeber für seine inzwischen große Gemeinschaft. Als gotterfahrener und so auch selbstreflektierter Mensch wusste er um die Existenz von Licht und Halbdunkel, von  Begabung und Verführung des Menschen. Als wir Franziskanerinnen von Münster/St. Mauritz hier in Kiel ein Gästekloster auf dem Gelände des ehem. Franziskanerklosters beginnen konnten, war genau das unser Anliegen:  „einander wie Hausgenossen sein“.  Räume der Stille, des Gespräches, des gemeinsamen Lebens öffnen. Vier sehr unterschiedliche Frauen, damals zwischen Mitte Dreißig und Mitte Sechzig, fragten sich am Ende des Umzugstages: „Und jetzt?“ Und eine sagte in das Schweigen hinein: „Sind wir einander und den Gästen gute Hausgenossen!“ Wir saßen damals auf unseren Umzugskisten im neuen, fremden Haus und beteten die Vesper. Wir ahnten, ab jetzt wird es anspruchsvoll. Besonders im Gemeinschaftleben erfahre ich immer wieder: Theorie und Praxis sind zwei Paar Schuhe. In vielen Gesprächen, im Ringen miteinander wurde Schritt für Schritt klar, was „seid einander wie Hausgenossen“ in unserem konkreten Fall heißen kann. Als einladende Gemeinschaft war es wichtig, sowohl Tisch und Gebet mit den Gästen und Besuchern zu teilen, offen zu sein für die unterschiedlichsten Menschen, Themen und Begegnungen.  Franziskus von Assisi, der sich immer im verpflichtenden Kontext der Kirche sah und  nah mit den Armen gelebt hat, hätte Freude gehabt an dem Vorwort der Pastoralkonstitutionen „Gaudium et Spes“:

  1. Die engste Verbundenheit der Kirche mit der ganzen Menschheitsfamilie „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ GS

Den Menschen konkret nah zu sein, kann heißen, sie treffen mich auf dem Weg zum Stundengebet, beim Einkauf, in der Werkstatt beim Reifenwechsel oder im „Cafe unterm Kirchturm“ oder  wenn wir Schwestern sie sonntags hinten in der Kirche vor dem Gottesdienst begrüßen.

Gastfreiheit, also in gewissem Maße öffentlich zu leben, bedeutete für eine jede von uns etwas anderes an Herausforderung und an Offenheit – mitten in der Diaspora. Also: es ging um das Leben mit und für Gäste, ihre „Freude und Hoffnung, ihre Trauer und Angst“ hautnah zu teilen –„einander wie Hausgenossen sein“. Und wir brauchten auch Raum und Zeit ausschließlich für unsere schwesterliche Gemeinschaft, die Klausur, ein geschützter Raum für uns.

Franziskus ging selber immer wieder zu konkreten Menschen, auch seine Brüder schickte er zu den Menschen – und zwar mindestens zu Zweit. Er wusste um die Kraft der Gemeinschaft und die Möglichkeit der „Correctio“. Nach acht Wochen im neuen Gästekloster setzten wir uns zusammen und jede Schwester konnte aussprechen, was ihr an Freiraum fehlte oder was sie an Gemeinsamkeit oder geistlicher Übung wertschätzte. Alle vier Schwestern sollten auch innerlich „satt“ werden. Das ist meines Erachtens Bedingung für „einander wie (gute!) Hausgenossen sein“. „Hausgenossin“ im franziskanischen Sinn meint, einer konkreten Gemeinschaft zur Verfügung stehen. „Hausgenossin“ im franziskanischen Sinn meint, sich, einander und miteinander  etwas zu gönnen und Geduld miteinander zu haben.

„Einander wie Hausgenossen sein“, meint auch, dass ich unser franziskanisches Leben überprüfe und anpasse an veränderte Bedingungen, z.B. an neue Mitschwestern.

Ich sehe auch, dass ein gemeinschaftliches Leben heute ein Gegenentwurf sein kann zu manchem Zeitgeist, zu Isolierung und Egozentrik. Als Teil einer Gemeinschaft werde ich immer wieder mal  an meine Grenzen kommen, wird mein Blick nicht nur Zustimmung finden und ich lasse neue Argumente in mich ein. Und doch: ich bin überzeugt, jede Gemeinschaft braucht ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Grundauftrag, eine Sendung. Und ich erlebe: es ist möglich, dass sich  Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten diesem gemeinsamen Auftrag ganz zur Verfügung stellen. Ich bin von Herzen dankbar für diese Erfahrung. Mich beseelt die Idee des hl. Franziskus,  um Gottes Willen nah bei den Menschen zu leben. Und den Kreis nicht zu klein zu ziehen. „Nah“ kann auch die Nähe zwischen den Konfessionen bedeuten. Auch hier können wir uns im Sinne des hl. Franziskus geistvoll und geschwisterlich „einander wie Hausgenossen erweisen“.

In diesem Sinne suchen wir immer wieder neu, was es heißt:  „Und wo immer die (Schwestern und) Brüder sind und sich treffen, sollen sie einander  wie Hausgenossen sein!“   hl. Franz von Assisi


Impulsgeberin: Schwester Maria Magdalena Jardin , Gästekloster „Haus Damiano“ in Kiel

 

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