Weihnachten und Franziskus

Eine Sternstunde im Leben des heiligen Franziskus war seine Begegnung mit einem Aussätzigen. Eines Tages reitet er mit seinem Pferd durch die Wälder von Assisi und trifft dort auf einen Lepra-Kranken, einen Aussätzigen. Er ekelt sich vor den Geschwüren, hat schreckliche Angst vor Ansteckung und reitet davon. Plötzlich jedoch schießt es ihm durch den Kopf: Ist dieser Lepra-Kranke nicht so wie du von Gott geschaffen und geliebt? Hat Gott die Kranken nicht ganz besonders in sein Herz geschlossen? Wie kannst du diesen Kranken dann als Christ links liegen lassen? Und Franziskus kehrt um, steigt von seinem „hohen Ross“ und umarmt den Lepra-Kranken.

Diese Begegnung mit einem Aussätzigen wird zum Leitmotiv seines künftigen Lebens. Diese Bewegung von oben nach unten prägt sein weiteres Verhalten. Er verzichtet auf seine Luxus-Kleidung und zieht sich eine Bettler-Kutte an. Er verzichtet auf Kritik an der Kirche und versucht, es stattdessen in aller Demut besser zu machen. Und er nennt seinen Orden den Orden der „Minderbrüder“.

Alles strebt doch in die umgekehrte Richtung. Alle streben nach oben. Alle möchten aufsteigen, Sprosse um Sprosse: Karriere machen, sich einen Namen machen, in Wohlstand und Luxus leben. Alle stellen sich die egoistische Frage: Was hab‘ ich davon?

Franziskus entscheidet sich also ganz bewusst für eine Karriere nach unten. Er liebte den Reichtum der Armut. Und er entscheidet sich vor allem deswegen für diesen „Weg nach unten“, weil das sein Weg der Nachfolge Jesu ist. Er erkennt auch in Jesu Leben den Weg von oben nach unten. Jesus lässt sich zu uns herab. Weihnachten wird er als kleines ohnmächtiges Kind in einem Viehstall geboren. Er lässt sich herab in den Mist von Ochs und Esel, in den Mist unserer Welt und in den Mist, den wir selbst immer wieder verzapfen. Jesus wird hineingeboren in unsere Schuld. So möchte er uns herausholen aus all den Tiefen unseres Lebens: aus Leid und Versagen und Tod. Das ist die große Botschaft von Weihnachten. Das ist für uns das größte Weihnachtsgeschenk, das es gibt.

Gott stellt sich auf die Seite all derer, die ebenfalls ganz unten sind: Hungernde, Flüchtlinge, Trauernde, Leidende, Verzweifelte. Und er verkündet ihnen die Frohe Botschaft: „Ihr seid nicht von Gott verlassen und vergessen, sondern ihr seid unendlich wertvoll in Gottes Augen. Weihnachten umarmt Gott jeden einzelnen von euch. Ja, mehr noch: Er selbst wird einer von euch.“

So wird Weihnachten erst dann zum wahren Weihnachten, wenn wir selbst auch einstimmen in dieses Handeln Gottes, in dieses Handeln des heiligen Franziskus, wenn wir also Tränen trocknen und Verzweifelte aufrichten, wenn wir Kranke besuchen und Alte beglücken. Weihnachten ereignet sich in unserem Leben, wenn wir uns herablassen, wenn wir uns auf Augenhöhe begeben mit all denen, denen das Schicksal hart zugesetzt hat. Auch unsere Karriereleiter könnte in diesem Sinne christlich und franziskanisch sein, indem auch wir eine Karriere nach unten machen, indem wir auf die Knie gehen und denen unsere Sympathie zeigen, die am Boden zerstört sind. Wir können ein Auge haben für die, die unten sind, die am Ende sind. Wir können ein Ohr haben für die, die um Hilfe schreien. So kann Weihnachten durch unser Leben hier und heute eine Fortsetzung finden.

 


Über den Impulsgeber:

Pater Wilhelm Ruhe lebt im Franziskanerkloster in Bardel und ist tätig als Schulseelsorger des Missionsgymnasiums Bardel.

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