WIE OCHSE UND ESEL GOTT ERKENNEN

Der Ochse und der Esel gehören heute zu jeder Weihnachtskrippe. In aller Regel liegen diese beiden Tiere ganz ruhig in der Nähe des neugeborenen Jesus, betrachten das Kind und neigen voll Ehrfurcht ihr Haupt vor dem Mensch gewordenen Gott. Eigentümlich ist, dass in den neutestamentlichen Erzählungen von der Geburt Jesu weder Ochse noch Esel erwähnt werden. Erst in der Tradition wird eine gedankliche Verbindung zwischen der Erwähnung der Futterkrippe, in die Jesus gelegt wird (vgl. Lk 2,12), und einem prophetischen Wort hergestellt. Jesaja klagt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, und mein Volk hat keine Einsicht“ (Jes 1,3). Die christliche Tradition erhebt den Anspruch, wie Ochse und Esel in Jesus den wahren Gott erkannt zu haben – jenen Gott, der Mensch wird für uns.

Der Überlieferung nach hatte der Heilige Franziskus (1182-1226) drei Jahre vor seinem Tod die Idee, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus den Gläubigen ganz anschaulich vor Augen zu führen. Franziskus bat einen ihm vertrauten Menschen mit Namen Giovanni im Ort Greccio eine lebendige Krippe herzurichten – in einem Wald, einer Höhle, mit Heu und Stroh – vor allem jedoch mit einem lebenden Ochsen und einem lebenden Esel. Bereits Bonaventura erzählt in seiner frühen Beschreibung des Lebens des Gründers seines Ordens, wie wichtig dieses Ereignis für Franziskus war, für das er sogar die Erlaubnis des Papstes einholte: „Brüder werden herbeigerufen, Leute strömen zusammen, der Wald hallt wieder von kräftigen Stimmen, die heilige Nacht wird erhellt von vielen Kerzen und Lampen. Sanfte und wohltönende Lieder erschallen zum Lob Gottes, alles glänzend und feierlich. Vor der Krippe steht der Mann Gottes, von Andacht erfüllt, von Tränen benetzt und mit Freude übergossen. Die Heilige Messe wird über der Krippe gefeiert und der Levit Christi Franziskus singt das Evangelium. Hierauf hält er dem versammelten Volk eine Predigt über die Geburt des armen Königs und so oft er dessen Namen nennt, heißt er ihn vor zärtlicher Liebe ‚das Knäblein von Bethlehem‘“ (Legende Maior des Bonaventura, in: Das Leben des hl. Franz von Assisi, Freiburg-Basel-Wien 1988, S.112).

Franziskus hat sich dem Fest der Menschwerdung Gottes in tiefer emotionaler Ergriffenheit genähert. Nicht intellektuelle Fähigkeiten haben ihn erkennen lassen, welche Bedeutung das Kind in der Krippe für die Erlösung der Menschheit hat. Wie ein Ochse und wie ein Esel hat Franziskus den Geber des Lebens, den Schöpfer, angebetet. Ochse und Esel wissen, wer ihr Besitzer ist und wer ihnen ihr Futter gibt. Der Mensch vergisst oft, dass er Gott allein sein Dasein zu verdanken hat. Wir können uns in diesen Tagen Zeit nehmen, wie Ochse und Esel auf Gott zu blicken, der in einem wehrlosen Kind in die Welt kommt. Wehrlos liefert sich dieser Gott der Gewalt in der Welt aus. Dies kostet ihn am Ende das irdische Leben. Das ewige Leben war und ist Gott nicht zu nehmen. Wie Ochse und Esel Gott erkennen, bedeutet: das Gefühl stark werden zu lassen, Gott Dank für das nackte Dasein zu schulden.

In der Krippe von Greccio konnten die Menschen Ochse und Esel streicheln. Es bedarf der Anschauung, der Andacht und der Gefühle im Glauben: Für uns ist Gott nichts zu viel.

 


Über die Impulsgeberin:

Prof. Dr. Dorothea Sattler ist Professorin für ökumenische Theologie und Dogmatik. Ihre akademische Tätigkeit übt sie derzeit als Direktorin des ökumenischen Instituts an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster aus. Darüber hinaus ist sie wissenschaftliche Leiterin des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und kathologischer Theologen und gewähltes Mitglied der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s