St. Franziskus

Franziskus von Assisi

Seinen Namen haben wohl die meisten schon einmal gehört: Franziskus von Assisi.

Spätestens seit sich der aktuelle Papst nach seiner Wahl für den Namen Franziskus entschieden hat, ist der Heilige aus Assisi wieder stärker in den Blick der Öffentlichkeit geraten. Für die einen ist er der Patron der Tiere. Andere erkennen in ihm vor allem einen Rebellen des Mittelalters oder einen Reformer der Kirche. Wieder andere sehen in ihm den großen Mystiker, den Heiligen, den Ordensgründer und das Vorbild für die eigene Christusnachfolge. Franziskus hat von allem etwas. Diese Mischung fasziniert. Auch heute noch. Menschen lassen sich von seinem Lebensbild inspirieren.

Wie alles begann

Der Heilige wurde um das Jahr 1182 in Assisi geboren. Sein wohlhabender Vater, der reiche Tuchhändler Pietro Bernadone, war zu diesem Zeitpunkt auf Reisen, um wertvolle Stoffe für sein Geschäft zu erwerben. Die fromme Mutter, Pica Bernadone, gab dem Neugeborenen zunächst den Namen Johannes. Damit war Pietro bei seiner Rückkehr überhaupt nicht einverstanden. Er gab seinem Sprössling kurzerhand den Namen Francesco (= ,,kleiner Franzose‘‘). Das war eher nach seinem Geschmack. Das klang nach Weltoffenheit und nach Extravaganz. Schließlich musste der Name des Stammhalters nach etwas ganz Besonderem klingen.

Pietro wollte damit wohl auch den Stand der Familie und des Geschäftes neu positionieren. Durch die Bevölkerung der Stadt ging zu dieser Zeit ein tiefer Riss. Assisi war in zwei miteinander konkurrierenden Klassen geteilt. Da gab es die höhere Schicht des Adels (Majores) und die niedere Schicht des einfachen Volkes (Minores). Dazu kamen noch die Armen und Ausgegrenzten, für die in der städtischen Gesellschaft kein Platz vorgesehen war. Die Bernadones gehörten zu den Minores. Heute würden wir sie vielleicht Neureiche nennen. Eine Art Geldadel, die die traditionellen Adelsfamilien nach und nach verdrängten. Die aufkommende Geldwirtschaft und das Handelswesen verliehen dem Bürgertum eine nie dagewesene Machtfülle. Dieses Umfeld prägte den jugendlichen Franziskus wesentlich. Der Vater wollte ihn in die Welt des Handels und des Geldes einführen. Dazu sollte er auch höfische Umgangsformen lernen, um die adelige Kundschaft für sich zu gewinnen. Und Franziskus wurde nach Strich und Faden verwöhnt. Er hatte Zugang zur Kasse und konnte das Geld mit vollen Händen ausgeben. Das kam bei der Jugend von Assisi gut an. Franziskus war ihr Mittelpunkt. Seine Einladungen zu Festen und Gelagen gehörten zu den Höhepunkten des Jahreslaufs.

Die Zeit der Umkehr

 Mit Anfang Zwanzig begann für Franziskus das vorgegebene Lebensmodell plötzlich zu wanken. Das Geheimnis, das sein späteres Leben prägen sollte, brach sich hier Bahn. Franziskus wurde in eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Städten Assisi und Perugia hineingezogen und geriet in Gefangenschaft. Er wurde krank. Nach einem Jahr kehrte er nach Assisi zurück. Er brauchte lange, um sich von diesem Trauma zu erholen. In der Krise flüchtete er sich in ein Ideal. Jetzt träumte er davon, Ritter zu werden und machte sich auf den Weg nach Apulien. Aber schon nach einer kleinen Etappe fiel dieser neue Lebenstraum in sich zusammen. Franziskus kehrte entmutigt und beschämt nachhause zurück. Der Einstieg in die alten Lebensmuster wollte ihm nicht mehr gelingen. Reichtum und Wohlstand, Feste und Gelage blieben ihm fremd. Er spürte eine große Leere in sich und wandte sich immer wieder an Gott: „Höchster, glorreicher Gott! Erleuchte die Finsternis meines Herzens! Erleuchte die Finsternis meines Herzens und zeige mir den Auftrag, den du mir gegeben hast!“ Mit diesem Gebet im Herzen zog er sich zurück. Er brauchte jetzt Stille. Er suchte die Einsamkeit mit sich und seinem Gott. In den Wäldern, Höhlen und verlassenen Kirchlein um Assisi fand er Zuflucht. Hier wurde der Boden bereitet für seine neue Identität.

Ja, Franziskus war religiös. Wie alle Menschen seiner Zeit. Aber eine Antwort auf seine Suche fand er in den bürgerlichen Formen seiner Religion nicht. Er fand sie erst hier in der Einsamkeit. Die Stille führte ihn behutsam zu einer neuen Gotteserfahrung. Es war die Begegnung mit einem Aussätzigen in der Ebene von Assisi. Franziskus musste seinen Ekel überwinden und reichte ihm seine Hand. Was dann passierte, war entscheidend: der Aussätzige gab Franziskus den Friedenskuss. Franziskus war zutiefst berührt. Das war die Antwort, auf die er gewartet hatte. Hier ist sein Platz. Hier spricht Gott. Ganz unten. In der konkreten Begegnung mit dem Ausgestoßenen.

Mit dieser Erfahrung im Gepäck trat Franziskus vor das Kreuz von San Damiano. Und er sah nun den Gekreuzigten mit ganz neuen Augen. Gott am Kreuz. Ganz unten. Mensch geworden wie wir – arm geworden für uns. Franziskus schaute diesem Gott in die Augen und vernahm seine Stimme, die jetzt zu ihm sprach: „Geh und stelle mein Haus wieder her“. Gott hatte das Rufen gehört und erhört. Franziskus kannte von dieser Stunde an seinen Auftrag.

Der franziskanische Auftrag

Mit neuer Kraft, mit einer Vision begann Franziskus sein Wirken. Er baute verfallene Kirchen wieder auf. Er predigte den Armen und Einfachen. Wo er konnte, wollte er Frieden stiften. Er suchte die Ausgestoßenen, versorgte sie mit Essen und pflegte ihre Wunden. Was er dazu brauchte, erbettelte er in der Stadt. Brot und Steine erbat er im Namen Gottes von den Reichen. Das provozierte. Und faszinierte zugleich. Erste Männer schlossen sich ihm an und wollten es ihm gleichtun. So begann die Geschichte des Ordens der „Minderen Brüder“. Später kamen auch Frauen dazu. Mit der heiligen Klara begann die Geschichte der „Armen Frauen“ von Assisi. Eine große Regel wollte er der jungen Gemeinschaft nicht geben. Sie sollten einfach und froh das Evangelium leben. Die Verantwortlichen der Kirche forderten von ihm aber einen Text. Das Wesentliche darin lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Das ist die Regel und das Leben der Minderen Brüder: das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten durch ein Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit“. Im Dritten Orden fanden sich schließlich Menschen aller Lebensstände zusammen, die die Ideale der franziskanischen Bewegung leben wollten, ohne dazu einer klösterlichen Gemeinschaft im engeren Sinn beizutreten.

Was Franziskus erfahren hatte, konnte er nicht für sich behalten. Er musste es in die Welt tragen. Dazu holte er sich die Bestätigung des Papstes und sandte die Brüder in die verschiedenen Weltgegenden aus. Er selbst zog schließlich bis in den Orient, um die frohe Botschaft zu verkünden.

Das Charisma des hl. Franziskus bestand vor allem darin, dem menschgewordenen Gott, dem gekreuzigten Christus nachzufolgen und ähnlich zu werden. Er identifizierte sich so sehr mit dem Gekreuzigten, dass im Jahr 1224 auf dem Berg La Verna, während einer Vision, an seinen Händen und in seiner Seite die Wundmale Jesu aufbrachen. Seine unaussprechliche Liebe zu diesem Christus hat ihn – körperlich sichtbar – verwundet. Zwei Jahre später ließ er sich von seinen Brüdern nackt auf die Erde legen. Er breitete seine Arme zu einem Kreuz aus und starb am Abend des 3. Oktobers 1226 in Portiunkula.

Was davon bleibt

Bis heute versucht die franziskanische (und klarinische) Ordensfamilie das Charisma ihrer Gründer in den verschiedenen Weltgegenden zeitgemäß zu leben. Franziskaner, Minoriten und Kapuziner, Klarissen und Franziskanerinnen unterschiedlicher Kongregationen leben als franziskanische Ordensleute in den verschiedensten Zusammenhängen und versuchen Zeugnis zu geben, von diesem menschgewordenen und menschenfreundlichen Gott, den Franziskus vor 800 Jahren neu entdeckt hat. Darüber hinaus lassen sich bis heute unzählige Männer und Frauen vom franziskanischen Charisma inspirieren. Wie Franziskus damals, lassen sich auch heute noch viele Menschen von den urfranziskanischen ,,Orten‘‘ hin zu einer Gottesbegegnung führen. Diese „Orte“ lassen sich in einigen Stichworten zusammenfassen: Stille, Gebet, Evangelium, Begegnung mit den Armen und Leben in Gemeinschaft. Wer diesen menschenfreundlichen Gott erfahren hat, der muss es weitersagen. Nicht nur mit Worten – auch das lernen wir von Franziskus. Die erste „Methode“ der Glaubensverkündigung sind unsere tätigen Hände und Füße. Papst Franziskus, der den Namen des Heiligen aus Assisi trägt, hat es uns bei seiner Antrittsrede ins Stammbuch geschrieben: „Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor Zärtlichkeit!“

 

Bruder Thomas Schied